Die Internationale Funkausstellung (Ifa) ist eine Technikmesse mit Wumms. Auf mehr als 150.000 Quadratmetern buhlen 2000 Aussteller um Aufmerksamkeit – und lassen sich dafür allerlei einfallen. Vor allem laute Musik, bunte Bühnenshows mit Akrobatik und gigantische Fernseher.
Die Ifa selbst nennt sich die „weltweit führende Show für Consumer und Home Electronics“. Fast eine Viertelmillion Menschen aus aller Welt pilgern jeden September auf das Gelände am Funkturm in Berlin.
Dass in diesem Jahr alles ganz anders sein wird, bemerkt der Besucher, schon bevor er die Funkausstellung betreten hat. In der S-Bahn zum Messegelände muss niemand mehr stehen. Nur der Südeingang ist geöffnet. Vor einem großen Ifa-Schriftzug auf dem Vorplatz spielt ein Jazzduo zur Begrüßung leise Musik. Als wollten sie sagen: „Entspannt euch. Dieses Mal gibt es keinen Stress. Eine solche Ifa habt ihr noch nicht gesehen.“ Und damit sollen sie recht behalten.
Die Messe im Corona-Jahr ist eine Trotzdem-Ifa im Miniformat, die schon am Samstag nach drei Tagen wieder vorbei ist. Geöffnet sind nur der City Cube und vier Hallen, und auch dort nur eine von zwei Ebenen. In zwei Hallen finden abwechselnd einige Pressekonferenzen statt, eine halbe Halle beherbergt einige Ausstellungsstände, und der Rest bietet Sitzgelegenheiten, die so weit voneinander entfernt sind, dass man eigentlich telefonieren müsste, um sich zu unterhalten.
Mit diesem Konzept wagt die erste namhafte Technikmesse nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie wieder einen physischen Auftritt – und tastet sich dabei sehr vorsichtig voran.
Privatbesucher haben keinen Zutritt
Trotzdem sind die Hoffnungen groß. Das Treffen wolle ein Stück Normalität zurückgeben, sagt Ifa-Direktor Jens Heithecker. Zwar zeigt die Funkausstellung die Präsentationen für alle auch virtuell im Internet. „Aber nichts ist so gut wie das reale Leben“, sagt er. Gehe es ums Geschäft, könne nichts den persönlichen Austausch ersetzen.
Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Berlin, spannt einen noch größeren Bogen: „Die Ifa ist ein wichtiges Signal, dass Messen wieder möglich sind. Das ist eine gute Nachricht für Berlin.“ Weltweit müssten sich Messestandorte angesichts der Pandemie neu erfinden.
Doch was bleibt von einer Messe mitten in einer Pandemie? Diese Ifa ist nicht als Hightech-Volksfest geplant. Zugelassen sind ausschließlich Fachbesucher und Journalisten, die sich vorher registriert haben. Privatbesucher haben keinen Zutritt. Das ist bitter für Hersteller und Händler, weil sie auf der Messe zum ersten Mal im größeren Umfang beobachten können, wie Verbraucher auf neue Produkte reagieren.
Auf dem gesamten Gelände wird das Tragen von Masken empfohlen, woran sich auch fast alle halten. An allen Ein- und Ausgängen stehen Desinfektionsspender und Anweisungen, sich nicht näher als 1,5 Meter zu kommen. So weit stehen auch die Stühle in den Pressekonferenzen auseinander.
Damit es an keiner Stelle zu eng wird, hat die Messe ein Ampelsystem aufgebaut. An den Ein- und Ausgängen der Hallen werden Besucher mit einer Lichtschranke gezählt. Ein grünes Licht garantiert Einlass. Sind jedoch mehr als 750 Menschen in einer Halle, springt es auf Rot.
„Doch das ist bisher noch nicht passiert“, sagt eine Messemitarbeiterin, die für die Sicherheit abgestellt wurde. „Wir haben alles für die Sicherheit der Gäste, Aussteller und Mitarbeiter getan“, meint auch Ifa-Direktor Heithecker.
Digitale Präsentationen an der Messe vorbei
Allerdings sind die Pressekonferenzen eher spärlich besucht. Am ersten Messetag war gerade einmal jeder zweite Platz besetzt – offenbar hatte man mit mehr Journalisten gerechnet. Für den zweiten Messetag nahm man gleich vorsorglich einige Stuhlreihen aus der Halle.
Die großen Hersteller hatten sich erst gar nicht nach Berlin bemüht. Unternehmen wie Samsung, Sony und die Deutsche Telekom – allesamt in der Vergangenheit Aussteller mit großen Ausstellungsflächen – schickten ihre Absage schon frühzeitig, weil sie ihre Mitarbeiter nicht reisen lassen wollten oder konnten.
Viele ausländische Hersteller seien schlichtweg nicht an ein Visum gekommen, weil deutsche Konsulate und Botschaften derzeit in China kaum Visa ausstellten, heißt es bei der Messe Berlin.
Einige Unternehmen haben die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zur Ifa genutzt, um an der Messe vorbei in digitalen Präsentationen einige Neuheiten vorzustellen – darunter auch Samsung mit einem Ultrakurzdistanz-Projektor und einem Outdoor-Fernseher, Philips Hue mit neuen vernetzten Lampen sowie die Smarthome-Hersteller Tado, Ring und Yale.
Zu wichtig ist die Zeit vor dem Weihnachtsgeschäft, um die Möglichkeit verstreichen zu lassen. Denn Händler müssen nun ihre Lager füllen. Allein auf der Ifa wurden in den vergangenen Jahren Verträge über fast fünf Milliarden Euro abgeschlossen.
Lohnt sich überhaupt ein solcher Aufwand?
Wer sich auf die stolz angekündigten Ifa-Keynotes von Qualcomm-Präsident Cristiano Amon und Huawei-Europa-Chef Walter Ji freute, wurde enttäuscht. Statt ihren Ausführungen auf der Bühne folgen zu können, wurden nur Aufzeichnungen abgespielt, was viele Journalisten dazu veranlasste, die Halle zu verlassen.
Zum Videoschauen war niemand nach Berlin gekommen. Allerdings gab es dazu auch kaum Alternativen. Der Ausstellungsbereich darf, selbst gemessen an einer Hausmesse, eher bescheiden genannt werden.
Der mit Abstand größte Stand ist von Huawei, doch Neuheiten gibt es dort nicht zu sehen. Die wird der chinesische Konzern erst in einigen Tagen auf seiner virtuellen Entwicklerkonferenz zeigen.
Und so stehen die acht Standmitarbeiter meist allein vor ihren Tischen mit Smartphones, Tablets und Notebooks, für die sich kaum jemand interessiert. Verglichen mit einer gewöhnlichen Messe ist es in der Halle totenstill.
Lohnt sich überhaupt ein solcher Aufwand? „Wir befinden uns alle in herausfordernden Zeiten, in denen es wichtig ist, dass wir zusammenhalten“, sagt William Tian, Deutschland-Chef der Privatkunden-Sparte von Huawei.
Das Unternehmen habe nicht nur eine Langzeit-Verpflichtung gegenüber dem deutschen Markt, sondern auch gegenüber seinen Partnern. „Deshalb freuen wir uns, auf der Ifa zu sein, und nutzen die Gelegenheit, Partner und Freunde nach einer langen Pause wieder zu treffen – wenn auch mit Abstand.“
Buntes Sex-Spielzeug
Tatsächlich ist die Ifa für viele der Fachbesucher die erste größere Reise seit dem Lockdown im März – und damit eine willkommene Abwechslung zum Homeoffice. Da scheint man eher bereit, ein Auge zuzudrücken.
Hinter vorgehaltener Hand sagen viele der 150 Aussteller jedoch, dass sich ihr Auftritt kaum lohne. Kurz vor der Messe hat der Berliner Smarthome- und Router-Anbieter AVM noch eine Absage geschickt. Man habe nicht ausreichend Termine mit Partnern und Kunden im Vorfeld verabreden können, heißt es als Begründung.
Doch es gibt auch andere Beispiele. Dazu gehört der Bielefelder Vibratoren-Hersteller Eis mit seiner Marke Satisfyer. Kein anderer Stand hat so viele Besucher und vor allem auch Filmteams angezogen wie die Bielefelder mit ihrem bunten Sexspielzeug.
Die Vibratoren lassen sich aus der Ferne mit einer Smartphone-App in Bewegung bringen. Selbst gestaltete Vibrationsmuster können in die App hochgeladen und von anderen Nutzern heruntergeladen werden. „Wir sind das erste Mal auf einer Technikmesse und sind hier gut beschäftigt“, sagt Vertriebsmanagerin Mira Waidelich. Zum Glück gebe es auf der Ifa nur Fachbesucher. „Für einen Ansturm von Privatbesuchern hätten wir Sicherheitspersonal einstellen müssen“, sagt sie nur halb im Scherz.
App-gesteuertes Laufrad für Katzen
Etwas belebter als in den Hallen geht es im City Cube zu, wo die Funkausstellung ihre Start-ups untergebracht hat. Zwar sind die Stände winzig, dafür gibt es aber auch Kuriositäten zu sehen. Darunter ein Subwoofer, den man sich um den Nacken legt und der, drahtlos verbunden mit einem Smartphone oder Tablet, für das Bassgefühl am Körper sorgt.
Oder das Laufrad „The Little Cat“ für übergewichtige Katzen, das den Fitness-Erfolg in einer damit verbundenen Smartphone-App aufzeichnet. Eine Katze könne so drei Kilogramm Gewicht verlieren, verspricht der Hersteller aus Südkorea.
Die Funkausstellung hat seit ihrem Beginn im Jahr 1924 große Erfindungen präsentiert, darunter die ersten Fernseher, das Tonband, den Videorekorder, die CD und das Autoradio. Albert Einstein hat die Messe mit einer Rede 1930 eröffnet, Willy Brandt hat 1967 per Knopfdruck das Farbfernsehen gestartet.
Auch für die Hersteller von smarten Kühlschränken, Waschmaschinen und Küchengeräten ist die Ifa zu einem festen Termin geworden, an dem sie ihre Innovationen vorstellen. Wie die diesjährige „Ifa Special Edition“ zeigt, gelingt das nicht immer.
Das sollte jedoch weder die Ifa noch die Branche in eine Krise stürzen. Denn viele Hersteller von Unterhaltungselektronik und Hausgeräten haben festgestellt, dass sie in der Corona-Krise steigende Umsätze haben, weil die Menschen mehr zu Hause sind. Das hält sie zwar von einer Messe wie der Ifa fern. Aber es hindert sie offenbar nicht daran, ihre Produkte zu kaufen.
September 05, 2020 at 09:11AM
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